Ergänzung therapeutischer und prophylaktischer Maßnahmen

Warum gerade Golf? Könnte das Golfspiel zur Steigerung der Lebensqualität und zur Verbesserung der krankheitsbedingten Defizite bei Patienten mit Hemiparese beitragen?

Obwohl wir in der Bundesrepublik gerade in den letzten Jahren einen richtigen Golfboom erlebt haben, gehört der Golfsport noch lange nicht zu den Volkssportarten, sondern besitzt nach wie vor eine gewisse Exklusivität. Golf ist doch kein Sport, behaupten diejenigen, die noch nie in ihrem Leben auf einem Golfplatz gestanden haben. Dennoch steigt jedes Jahr die Anzahl der Golfbegeisterten, auch aufgrund des wesentlich gesteigerten Gesundheitsbewusstseins. Fragt man nach den wichtigsten, erfolgsbestimmenden Faktoren des Golfsports, stellt man fest, dass zu diesen insbesondere die Konzentrationsfähigkeit und Körperkontrolle gehören.

Warum sollten gerade Patienten mit Hemiparese infolge einer erworbenen Hirnschädigung überhaupt Golf spielen? Auch das noch, würden vielleicht die Kritiker sagen und auf Anhieb sicherlich eine ganze Reihe von Gründen finden, warum dies nicht günstig ist. Aber ist es wirklich so?

Wenn man sich die Probleme der Patienten, die unter einer Halbseitenlähmung leiden, doch etwas näher anschaut, so wird rasch klar, dass die Lähmung der betroffenen Körperseite nur eines der vielschichtigen Probleme darstellt. In den meisten Fällen finden wir neben der Störung der motorischen Fähigkeiten auch ausgeprägte Wahrnehmungsstörungen, die das Gefühl der für den richtigen Bewegungsablauf doch so wichtigen Körpersymmetrie erheblich einschränken können. Wie kann man die physiologische Gewichtsübernahme am besten trainieren, wo genau befindet sich die Körpermitte, wie fördert man die Körpersymmetrie? Das sind wohl die häufigsten Probleme während einer rehabilitativen Behandlung dieses Patientenkollektivs, ebenso wichtig wie das Erlernen der Steuerung von gesunden Bewegungsabläufen und der Koordinationsfähigkeit.

Und gerade bei diesen Problemen bietet der Golfsport in Ergänzung zu den laufenden therapeutischen und prophylaktischen Maßnahmen eine erfolgversprechende Übungsmöglichkeit. Hier gehört insbesondere die Kontrolle der Körperbewegung, der Körpermitte sowie der richtigen Gewichtsübernahme zu den wichtigsten Übungszielen. Ein hohes Maß an Körperkontrolle und damit auch der Körperwahrnehmung ist ja gerade beim Golfschwung der Schlüssel zum Erfolg.

Es sind jedoch nicht nur solche Übungsfaktoren, die sensomotorische Fähigkeiten günstig beeinflussen, die das Golfspiel auch für diese Patientengruppe günstig erscheinen lassen, sondern auch der hohe Anspruch an Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und räumliche Wahrnehmung, die somit ganz automatisch auch zu einem Training der kognitiven Funktionen beitragen.

Genug der medizinischen Fachausdrücke. Das Wichtigste, warum wir Golf spielen möchten, ist doch die Freude am Spiel und die Möglichkeit, in der freien Natur die Gemeinschaft mit anderen zu erleben. Da Golf als Spielart sich gerade dadurch auszeichnet, dass auch Spieler unterschiedlicher Leistungsstärken gemeinsam spielen können, kommt es doch nicht unbedingt darauf an, ob wir das Green in drei oder in fünf Schlägen erreichen, oder? Sollten wir nicht vielmehr das Golfspiel in diesem Fall als eine weitere Möglichkeit zur gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderungen sehen? Eine Möglichkeit, die sicherlich auch maßgeblich zur Steigerung der Lebensqualität beitragen kann!

Dr. med. Marcela Lippert-Grüner
Fachärztin für Neurologie und Rehabilitationswesen
Klinik für Allgemeine Neurochirurgie der Universität zu Köln